Die gemeinsame Verantwortung für die Zukunft der Pfarreien (angesichts zunehmenden Personalmangels)

Kurzfassung und Gesprächsergebnis

Der Wandel der Gesellschaft spiegelt sich im Wandel der Kirche. Der Wandel der Kirche spiegelt sich im Wandel der Gesellschaft. Dieser Grundgedanke begleitete die Diskussion zum dritten Unterthema. Im Verhältnis zwischen Kirche und Gesellschaft werden neue Rollen sichtbar. Diese neuen Rollen sind – weder konstitutionell noch pastoral – noch nicht wirklich ausgelotet, geschweige denn anerkannt und etabliert. Und doch zeigen sich darin mögliche Wege aus der personalen Not der Pfarreien. Und sie weisen – auch dies nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Kirche – auf einen ihrer Ursprünge zurück.
Die Diskussion um den Mangel an ausgebildetem (Seelsorge-)Personal soll nicht den Mangel fokussieren, sondern die Ziele im Blick haben, die wir als Kirche in der Welt verfolgen: als Kirche wollen wir erreichbar sein für die einzelnen Menschen in ihren Nöten, aber auch mit ihren Freuden und Hoffnungen; als Kirche sind wir präsent in der Öffentlichkeit und haben eine prophetisch-kritische Rolle zu übernehmen; als Kirche anerkennen wir Pluralität als Grundsatz und öffnen uns dieser gegenüber.
Neue, plurale Formen religiöser Milieus entwickeln sich in der Kirche wie in der Gesellschaft. Dieser Pluralisierung ist mit neuen Formen der Seelsorge zu begegnen, die den Raum und das Klima schaffen, für ganz unterschiedlich geprägte Gruppen und Bewegungen, die allerdings wieder hingeordnet sind auf die eine Botschaft vom auferstandenen Christus. Die Orte, an denen die Fragen auf- und einbrechen, die die Menschen umtreiben, sind vornehmlich die Kasualien, denen auf diese Weise eine besondere Aufgabe zukommt für das Lesen der „Zeichen der Zeit“ einerseits und für das „Bestehen des Evangeliums angesichts der Not der Menschen“ andererseits.

Wir sind Kirche vor Ort als Pfarrei. Pfarrei ist in diesem Sinne Leitprinzip pastoraler Planung und pastoralen Handelns von Amtsträgern, haupt- und nebenamtlichen Laien und von freiwillig engagierten Laien in der Kirche. Was uns als Kirche vor Ort, was uns als Pfarrei legitimiert, ist der vielerorts durchaus eingelöste Anspruch, auf die Fragen der Menschen nach dem Sinn mit der Botschaft vom Reich Gottes von Jesus, dem auferstandenen Christus, eine Antwort bereit zu haben. Dies ist der Prüfstein für die Existenzberechtigung des „Apparates“, den wir aufrechterhalten. Haben wir relevante Antworten auf Fragen, die gestellt werden? Oder behaupten wir wacker, die Leute kennten einfach die relevanten Fragen nicht und verstünden halt so auch leider die Antworten nicht? Stehen wir als Kirche im Dienst der Menschen? Daran hat sich schliesslich das Verständnis von Leitung in der Pfarrei zu orientieren.

  • Die Leitung einer Pfarrei sollte auch nicht-theologisch gebildeten Laien übertragen werden können. Menschen, die ihr Leitungscharisma entdeckt, eingesetzt, geschult und geprüft haben, werden vom Bischof beauftragt, dieser Rolle einzunehmen (vgl. Apostelgeschichte). Über diese Beauftragung werden hierarchischerseits Teilfunktionen des Amtes delegiert (wie die heute faktisch für die Rolle von Laientheologinnen und –theologen gilt, die beispielsweise Gemeindeleitungen innehaben). Die Leitungspersonen in den Pfarreien bleiben unbeschadet dessen in dieser Funktion, wenn Priester im selben Umfeld ihre Arbeit aufnehmen, nicht aber die Leitungsverantwortung faktisch zu übernehmen bereit ist. Es ist zu prüfen, wie geltendes Recht (CIC) fortgeschrieben werden kann. Die theologische Reflexion der Rolle von Laien in ihrem Anteil am dreifachen Amt Christi über das allgemeine Priestertum aller Gläubigen ist im Nachgang zu den zentralen Aussagen in den Dokumenten des 2. Vatikanums vorwärts zu treiben.
  • Personen, die über die Prüfung ihres Leitungscharismas in eine Leitungsrolle für eine Pfarrei gelangen, sollten (berufsbegleitend) theologische Grundfragen diskutieren können und eine Einführung in Grundlagen der pastoralen Arbeit erhalten. Dies bedeutet nicht, dass sie den Gottesdiensten vorstehen müssten, dass sie Bibelgruppen leiten, dass sie Erwachsenenbildungsveranstaltungen durchführen etc. Pastoralplanung, die Organisation der Pfarrei, in der die Beteiligten wissen, welche Aufgabe sie haben, in der sie ihren Rahmen kennen, in dem sie sich bewegen können, ist ein zentrales Moment für die Gestaltung von Kirche am Ort: Leitung über Grundlinien und Leitsätze, die notwendig von der Diözese resp. in den Bistumsregionen festzulegen sind.

Ergebnisse aus dem Gespräch mit der Bistumsleitung

Sonntag, 23. Oktober 2005, 8.30 – 12.00, Kloster Wettingen
Teilnehmende: Weihbischof Martin Gächter, Kurt Grüter, Theres Honegger, Josef Locher, Roman Naef, Ueli Schibli, Roland Steiner
Röbi Hug (Gesprächsleitung), Hubert Kausch (Dokumentation)

Konsenspunkte

Vielfalt liturgischer Formen und Gestalten im Dienst der Menschen auf der Suche nach Sinn und Hilfen in der Alltagsbewältigung

  • Die Gesprächsteilnehmenden anerkennen die Vielfalt liturgischer Formen, insbesondere in den Situationen, in denen Eucharistiefeiern aufgrund fehlender Priester nicht stattfinden können.
  • Unter Betonung der Hinordnung des liturgischen Lebens auf die Eucharistie als Quelle und Mittelpunkt wird die Durchführung von Feiern wie Wortgottesfeiern, Wortgottesdienste und Kommunionfeiern ausdrücklich gewollt und unterstützt. Wortgottesfeiern ohne Kommunionspendung haben ihren eigenen Charakter und ihre eigenständige Bedeutung.
  • In der Gestaltung von Gottesdiensten unterschiedlicher Art besteht ein Reichtum an Formen, der weiter gefördert und genutzt werden kann. Chancen aus diesen Formen liturgischer Feiern liegen in den Möglichkeiten, neue Gruppen von Menschen ansprechen zu können, Personen in die Gestaltung von Liturgien einzubeziehen, den Reichtum der Tradition und Gegenwart hinsichtlich kirchenmusikalischer Gestaltung nutzen zu können und so weiter.
  • Die Gesprächsteilnehmenden sind sich einig, dass die Gläubigen zum Besuch der Gottesdienste vor Ort am Sonntag durch die Bistumsleitung aufgefordert werden sollen, ob nun vor Ort eine Eucharistiefeier oder aber eine Wortgottesfeier stattfindet. Im Vordergrund steht die feiernde Gemeinde am Ort.

Sorge um Kompetenzen und Profil der seelsorgerlichen Mitarbeitenden in den Pfarreien

  • Die Gesprächsteilnehmenden sind sich einig, dass der Ausbildung der Mitarbeitenden für die Seelsorge zur Entwicklung und Stärkung ihrer Kompetenz im Spirituellen unterstützt werden sollen. Leitend ist dabei, Menschen vor Ort in den Pfarreien durch geistliche Begleitung beistehen zu können und so den Gläubigen Unterstützung im Alltag im Feld der Seelsorge zu bieten. (Grundausbildung und Weiterbildung)
  • Mögliche Gefässe für die Förderung dieser Anliegen sind die Weiterbildungskommission des Bistums, Schwerpunkte in den (obligatorischen) Dekanatsweiterbildungen u.a.

Sorge für die älteren Menschen in den Pfarreien

  • Neben der Sorge um die Jugendlichen und jungen Familien sollte vermehrt auch den älteren Menschen mit Angeboten Sorge getragen werden. Das Anliegen ist wohl in den Pfarreien umzusetzen, könnte bistumsweit aber auch vom Pastoralamt aus lanciert werden.

Die Gesprächsteilnehmenden vereinbaren, sich am 10. November 2006, 15.00 Uhr im Ordinariat in Solothurn zu treffen, um die bis dahin auf Seiten der Bistumsleitung erzielten Ergebnisse zu bewerten.

Postulat/Forderung

Sendung von Personen ohne theologische Ausbildung in Leitungsfunktionen der Kirche durch den Bischof .

Die Gesprächsteilnehmenden haben keine Annäherung gefunden in der Frage, in wieweit eine weitere Ausdifferenzierung der Leitungsfunktionen in der Kirche stattfinden kann, nach der Personen ohne theologische Ausbildung wichtige Leitungsfunktionen einnehmen könnten und gleichzeitig von Seiten des Bischofs legitimiert und gesendet sind.
Bestimmte Koordinations- und Führungsaufgaben können heute schon wahrgenommen werden, in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Personen, die von Seiten des Bischofs die Pfarrverantwortung innehaben. Eine Beauftragung von Seiten des Bischofs ohne theologische Qualifikation sehen die Teilnehmenden der Bistumsleitung nicht.
Auch die Handauflegung bewährter Menschen mit priesterlichen Berufungen, die aber einem nichtkirchlichen Beruf nachgehen, die sich neben ihrem Beruf in der Seelsorge engagieren, werden nicht gesehen.

Die Ergebnisse des PiBB-Prozesses sollten von Seiten der Bistumsleitung auf anderen als nur dem elektronischen Weg den Menschen an der Kirchenbasis weiter gegeben werden (z.B. als Broschüre, als Beilage in den Pfarrblättern …)